Robschütz bei Meißen, 13. August 2015. Es ist ein ruhiger Sommerabend in Sachsen. Die 17-jährige Anneli-Marie Riße fährt mit ihrem Fahrrad einen Feldweg entlang und führt den Familienhund aus. Für ihre Familie ist es ein ganz gewöhnlicher Abend. Niemand ahnt, dass nur wenige hundert Meter vom Elternhaus entfernt zwei Männer auf eine Gelegenheit warten.
Anneli kehrt nicht zurück.
Kurz darauf finden ihre Angehörigen das Fahrrad und den Hund. Dann folgt ein Anruf, der alles verändert. Ein Mann fordert 1,2 Millionen Euro Lösegeld. Im Hintergrund hört Annelis Vater die Stimme seiner Tochter. Es wird das letzte Lebenszeichen sein, das die Familie von ihr erhält.
Die Eltern erklären sofort, dass sie zahlen werden. Für sie zählt nur eines: Anneli soll nach Hause kommen.
Doch die Entführer handeln zunehmend planlos. Hinter der Tat stehen Markus B., ein damals 39-jähriger arbeitsloser Koch, und der 61-jährige Norbert K. Nach den späteren Ermittlungen war die Entführung keineswegs spontan entstanden. Markus B. hatte sich bereits längere Zeit mit möglichen Opfern beschäftigt und auch Informationen über Anneli und ihre Familie gesammelt.
Das Motiv scheint eindeutig: Geld.

Die Ermittler beginnen unter enormem Zeitdruck mit der Suche. Hubschrauber, Spürhunde und zahlreiche Polizeikräfte werden eingesetzt. Gleichzeitig werden Spuren rund um den Ort des Verschwindens untersucht.
Dann gelingt der entscheidende Durchbruch.
DNA-Spuren bringen die Polizei auf Markus B. Sein Telefon wird überwacht und lokalisiert. Am 17. August 2015 erfolgt der Zugriff: Markus B. wird in Bayern festgenommen, Norbert K. nahezu zeitgleich in Dresden.
Doch die Hoffnung auf eine glückliche Rückkehr ist zu diesem Zeitpunkt bereits zerstört.
Norbert K. gibt den Ermittlern schließlich einen entscheidenden Hinweis. Auf einem verlassenen Anwesen in Lampersdorf, nicht weit vom Wohnort der Familie entfernt, wird Anneli gefunden. Die Ermittlungen ergeben später, dass sie sterben musste, weil die Täter fürchteten, von ihr erkannt und anschließend identifiziert zu werden.
Damit wird aus einer Entführung aus Geldgier ein Mordfall, der ganz Deutschland erschüttert.
Am 30. Mai 2016 beginnt vor dem Landgericht Dresden der Prozess. Stück für Stück rekonstruieren Richter und Ermittler, wie ein vermeintlicher Plan für schnelles Geld in einer Katastrophe endete. Dabei wird auch deutlich, wie unprofessionell die Täter gehandelt hatten: Sie waren nicht maskiert, hinterließen Spuren und entwickelten keinen überzeugenden Plan für eine sichere Geldübergabe.
Am 5. September 2016 fällt das Urteil. Markus B. erhält eine lebenslange Freiheitsstrafe. Das Gericht stellt zudem die besondere Schwere seiner Schuld fest. Norbert K. wird zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Der Bundesgerichtshof bestätigt die Entscheidungen später.
Für die Familie Riße kann kein Urteil das Geschehene rückgängig machen.
Aus ihrer Trauer entsteht jedoch etwas Bleibendes. Annelis Eltern gründen die Anneli-Marie-Stiftung, die Kinder, Jugendliche und Familien unterstützen soll. Auf ihrem Grab erinnert später ein lebensgroßer Engel aus Carrara-Marmor an die junge Frau.
Anneli-Marie Riße wurde nur 17 Jahre alt.
Ihr Fall erinnert bis heute daran, wie ein scheinbar gewöhnlicher Sommerabend innerhalb weniger Minuten das Leben einer ganzen Familie für immer verändern kann.