Der 2. Mai 2015 beginnt für die Familie Gehricke wie ein gewöhnlicher Frühlingssamstag. Gemeinsam mit Freunden verbringt sie den Tag auf dem Gelände des Wilhelmshofs bei Stendal in Sachsen-Anhalt. Zwischen Gebäuden, Wiesen und einem großen Waldstück spielen mehrere Kinder, während die Erwachsenen ein gemeinsames Grillfest vorbereiten. Unter ihnen ist die fünfjährige Inga Gehricke.
Am frühen Abend möchte Inga helfen. Ihr Vater sieht sie mit zwei großen Wasserflaschen auf einem kurzen Weg zwischen dem Haus und dem Grillplatz. Wenig später wird das Mädchen noch einmal von zwei Kindern gesehen. Gegen 18.30 Uhr soll sie auf dem etwa hundert Meter langen Weg in Richtung Gebäude unterwegs gewesen sein.
Dort kommt sie jedoch nie an.
Als Ingas Mutter kurze Zeit später bemerkt, dass ihre Tochter fehlt, beginnt zunächst eine Suche, wie sie wohl viele Eltern in einer solchen Situation beginnen würden: Man ruft ihren Namen, schaut hinter Gebäuden, sucht die Wege ab und läuft in den angrenzenden Wald.
Doch Inga antwortet nicht.
Aus Minuten werden Stunden. Polizei, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und zahlreiche freiwillige Helfer treffen ein. Spürhunde werden eingesetzt, Hubschrauber suchen mit Wärmebildtechnik aus der Luft. Waldstücke werden systematisch abgesucht, Gewässer kontrolliert und mögliche Gefahrenstellen überprüft.

Trotz des gewaltigen Einsatzes findet sich kein eindeutiger Hinweis darauf, wohin das fünfjährige Mädchen verschwunden sein könnte.
Anfangs halten die Ermittler einen Unfall noch für möglich. Ein kleines Kind könnte im Wald die Orientierung verloren haben. Doch mit jedem erfolglosen Suchtag wird dieses Szenario schwieriger zu erklären. Am 7. Mai gehen die Behörden schließlich davon aus, dass hinter Ingas Verschwinden wahrscheinlich eine Straftat steckt.
Damit beginnt eine der rätselhaftesten Vermisstenermittlungen Deutschlands.
Mehr als 2.000 Hinweise gehen im Laufe der Jahre bei den Behörden ein. Eine Belohnung von zunächst 25.000 Euro wird ausgesetzt und später auf 50.000 Euro erhöht. Zehntausende Seiten Ermittlungsakten entstehen. Trotzdem fehlt bis heute das entscheidende Puzzlestück.
Immer wieder geraten einzelne Personen in den Fokus.
Auch Christian Brueckner, der später international durch die Ermittlungen im Fall Madeleine McCann bekannt wird, wird überprüft. Er hielt sich damals zumindest im weiteren Umfeld der Region auf. Doch die Ermittlungen ergeben keinen belastbaren Beweis für eine Beteiligung am Verschwinden Ingas. In späteren Berichten wird zudem darauf verwiesen, dass ausgewertete Telefondaten gegen seine Anwesenheit am unmittelbaren Ort des Geschehens sprechen. Angeklagt wurde er im Fall Inga nie.
Ein weiterer Mann, der in Medienberichten unter dem Namen Martin H. auftaucht, beschäftigt Ermittler und Anwälte ebenfalls. Der bereits wegen anderer Straftaten verurteilte Mann stammt aus der weiteren Region. Später wird Kritik laut, einzelne Ermittlungsansätze seien nicht konsequent genug verfolgt worden. Doch auch hier gilt: Eine Verbindung zu Ingas Verschwinden konnte nicht nachgewiesen werden.
Daneben prüfen die Ermittler zahlreiche weitere Möglichkeiten. Könnte jemand vom nahe gelegenen Gelände das Kind beobachtet haben? Könnte ein Fremder spontan gehandelt haben? Oder kannte sich derjenige, der Inga möglicherweise mitnahm, so gut aus, dass alles innerhalb weniger Minuten geschah?

Gerade diese kurze Zeitspanne macht den Fall so schwer verständlich.
Jahre vergehen, ohne dass Inga gefunden wird. Die Ermittlungen werden zeitweise zurückgefahren, später jedoch erneut aufgenommen. Ab 2023 beschäftigt sich ein neues Team intensiv mit den alten Akten. Moderne digitale Methoden sollen Zusammenhänge sichtbar machen, die früher möglicherweise übersehen wurden. Speziell ausgebildete Hunde werden eingesetzt, bekannte Orte erneut untersucht und Hinweise noch einmal bewertet.
Auch die Familie versucht weiter, Aufmerksamkeit für Inga zu schaffen. 2024 erscheinen Bilder des vermissten Mädchens beziehungsweise altersangepasste Darstellungen auf Getränkeflaschen. Tausende Menschen sehen ihr Gesicht erneut im Alltag.
Doch der entscheidende Hinweis bleibt aus.
Auch 2025 durchsuchen Einsatzkräfte erneut Bereiche rund um Wilhelmshof. Waldstücke werden kontrolliert, Gewässer überprüft und mögliche Spuren gesucht. Wieder gibt es Hoffnung. Wieder endet die Suche ohne öffentlich bekannten Durchbruch.
Heute ist aus einem verschwundenen Kind ein Cold Case geworden, der noch immer viele Menschen beschäftigt.
Was geschah in jenen wenigen Minuten am Abend des 2. Mai 2015? Hat Inga den Weg freiwillig verlassen? Wurde sie von jemandem angesprochen, dem sie vertraute? Stand vielleicht ein Fahrzeug in der Nähe, das damals niemand bemerkte?
Die Ermittler haben Tausende Hinweise geprüft. Suchmannschaften haben Wälder, Wege und Gewässer untersucht. Verdächtige wurden überprüft und alte Akten erneut geöffnet.
Doch eine Antwort fehlt bis heute.
Irgendwo zwischen dem Grillplatz, dem kurzen Waldweg und dem Haus verliert sich an diesem Frühlingsabend die Spur eines fünfjährigen Mädchens.
Seitdem bleibt eine Frage bestehen:
Was geschah mit Inga Gehricke?