Washington, Georgetown, 12. August 2011. In einem eleganten Reihenhaus, umgeben von Botschaften, Politikern und wohlhabenden Familien, endet das Leben einer Frau, die jahrzehntelang zur gesellschaftlichen Welt der amerikanischen Hauptstadt gehört hatte.
Viola Drath ist 91 Jahre alt, Journalistin, gebildet und bestens vernetzt. An diesem Morgen liegt sie leblos in ihrem Badezimmer. Ihr Ehemann Albrecht Muth verständigt die Polizei. Zunächst spricht vieles für einen tragischen Unfall. Muth erklärt, seine Frau sei möglicherweise gestürzt.
Doch schon bald verändert sich das Bild.
Die medizinische Untersuchung ergibt, dass Viola Drath nicht durch einen gewöhnlichen Sturz ums Leben gekommen ist. Die Ermittler gehen von einem Tötungsdelikt aus. Im Haus finden sich keine Hinweise auf einen Einbruch. Wertgegenstände fehlen nicht. Nach Muths eigenen Angaben besitzen nur er und seine Frau Schlüssel zum Gebäude.
Plötzlich richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Ehemann.
Albrecht Muth ist mehr als vier Jahrzehnte jünger als Viola. Das Paar hatte 1990 geheiratet. Nach außen bewegten sich beide in einer Welt aus Diplomaten, Militärs und gesellschaftlichen Empfängen. Doch hinter dieser Fassade verbarg sich eine ungewöhnliche Beziehung – und ein Mann, dessen Vergangenheit immer rätselhafter wurde.

Muth präsentierte sich zeitweise als deutscher Adeliger, Geheimdienstkenner und internationaler Vermittler. Besonders auffällig war seine Rolle als angeblicher Brigadegeneral der irakischen Armee. Er trug Uniformen, organisierte Veranstaltungen und pflegte Kontakte zu hochrangigen Persönlichkeiten.
Doch viele seiner Geschichten hielten einer Überprüfung nicht stand.
Er hatte keinen entsprechenden militärischen Hintergrund. Die irakische Botschaft bestätigte seine behauptete Stellung nicht. Für die Ermittler entstand das Bild eines Mannes, der sich über Jahre immer neue Identitäten aufgebaut hatte.
Noch schwerer wog die Geschichte seiner Ehe. Bereits lange vor Violas Tod waren Konflikte und Fälle häuslicher Gewalt dokumentiert worden. Viola soll zuletzt darüber nachgedacht haben, die Beziehung endgültig zu beenden.
Auch Geld spielte eine Rolle.
Muth verfügte über kein regelmäßiges eigenes Einkommen und erhielt finanzielle Unterstützung von seiner Frau. Diese Zahlungen waren zuletzt reduziert worden. Gleichzeitig hatte Viola ihn in ihrem Testament nicht berücksichtigt. Nach ihrem Tod präsentierte Muth ihrer Familie ein Dokument, mit dem er einen erheblichen Geldbetrag beanspruchte. Die Ermittler hielten dieses Schriftstück für gefälscht.
Auf seinem Computer fanden sich außerdem Suchanfragen zu Auslandsreisen, Grenzübertritten und internationalen Auslieferungsregelungen.
Die Verteidigung betonte später, dass es keinen direkten physischen Beweis gebe, der Muth eindeutig mit der Tat verbinde. Die Anklage setzte dagegen auf die Gesamtheit der Indizien: die Situation im Haus, die belastete Ehe, frühere Gewalt, finanzielle Konflikte und Muths Verhalten nach Violas Tod.
Im Januar 2014 fällt schließlich das Urteil.
Die Geschworenen befinden Albrecht Muth des vorsätzlichen Mordes ersten Grades für schuldig. Das Gericht bewertet die Tat als besonders schwerwiegend und berücksichtigt auch das hohe Alter und die Schutzbedürftigkeit des Opfers.
Muth wird zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt.
Zurück bleibt die Geschichte einer angesehenen Journalistin und einer Ehe, die nach außen Zugang zu Washingtons gesellschaftlicher Elite versprach – hinter verschlossenen Türen jedoch von Misstrauen, Abhängigkeit und jahrelangen Konflikten geprägt war.
Und die Frage, die diesen Fall so außergewöhnlich machte:
Wie lange kann ein Mensch eine erfundene Identität leben, bevor die Fassade endgültig zusammenbricht?