Es ist die Nacht zum 15. November 2014. In einer McDonald’s-Filiale am Offenbacher Kaiserlei herrscht noch reger Betrieb. Junge Menschen sind unterwegs, manche auf dem Heimweg von einer Feier. Niemand ahnt, dass diese Nacht wenig später ganz Deutschland beschäftigen wird.
Unter den Gästen befindet sich Tuğçe Albayrak. Die 22-jährige Lehramtsstudentin aus Gelnhausen studiert Deutsch und Ethik und möchte später unterrichten. Im Bereich der Damentoilette entsteht plötzlich Unruhe. Zwei junge Mädchen geraten offenbar mit mehreren jungen Männern aneinander. Nach späteren Aussagen sollen die Mädchen belästigt worden sein.
Tuğçe bemerkt die Situation und mischt sich ein. Sie fordert die Männer auf, den Bereich zu verlassen. Zunächst scheint der Zwischenfall beendet.
Doch draußen setzt sich der Konflikt fort.
Auf dem Parkplatz treffen die beiden Gruppen erneut aufeinander. Worte fallen, die Stimmung wird zunehmend gereizt. Was genau gesagt wird, lässt sich später nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Eine Überwachungskamera zeichnet die entscheidenden Minuten zwar auf – doch die Aufnahme besitzt keinen Ton.
Auf den Bildern ist zu erkennen, wie ein junger Mann auf die Gruppe zuläuft. Ein Begleiter versucht offenbar, ihn zurückzuhalten. Wenig später kommt es zur Konfrontation mit Tuğçe.
Dann geschieht alles innerhalb weniger Sekunden.
Der 18-jährige Sanel M. schlägt Tuğçe ins Gesicht beziehungsweise gegen den Kopf. Sie verliert das Gleichgewicht, fällt rückwärts und schlägt mit dem Hinterkopf auf dem Asphalt auf.

Tuğçe bleibt bewusstlos liegen.
Im Krankenhaus stellen die Ärzte schwerste Verletzungen fest. Sie fällt ins Koma. Familie und Freunde hoffen tagelang auf ein Wunder. Doch am 26. November wird ihr Hirntod festgestellt.
Zwei Tage später, am 28. November 2014 – ihrem 23. Geburtstag – entscheiden ihre Eltern, die lebenserhaltenden Maßnahmen beenden zu lassen.
Tuğçe Albayrak stirbt.
Der Fall löst weit über Offenbach hinaus Bestürzung aus. In zahlreichen Städten finden Mahnwachen statt. Blumen, Kerzen und persönliche Botschaften erinnern an die junge Frau. Hunderttausende Menschen unterstützen eine Petition, die eine posthume Auszeichnung für ihre Zivilcourage fordert. Bundespräsident Joachim Gauck würdigt Tuğçe öffentlich als Beispiel dafür, nicht wegzusehen, wenn andere Hilfe benötigen.
Währenddessen beschäftigt sich die Justiz mit der Frage, welche Verantwortung Sanel M. für den Tod der Studentin trägt. Er bestreitet nicht, zugeschlagen zu haben. Eine Tötungsabsicht weist er jedoch zurück.
2015 beginnt vor dem Landgericht Darmstadt der Prozess. Zahlreiche Zeugen werden gehört, Sachverständige untersuchen den Ablauf der Tat und die Folgen des Sturzes.
Am Ende wird Sanel M. nach Jugendstrafrecht wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu drei Jahren Haft verurteilt. Jahre später wird er nach Serbien abgeschoben.
Doch der Fall Tuğçe Albayrak bleibt mehr als ein Gerichtsverfahren.
Er stellt eine Frage, die bis heute aktuell ist: Was tun wir, wenn andere Menschen unsere Hilfe brauchen?
Tuğçe griff ein, als sie glaubte, dass zwei junge Mädchen Unterstützung benötigten. Eine Entscheidung, die sie mit ihrem Leben bezahlte – und die ihren Namen in Deutschland dauerhaft mit dem Begriff Zivilcourage verband.