Es ist der 23. Juni 2019. In Gelsenkirchen verschwindet eine 35-jährige Frau plötzlich aus ihrem bisherigen Leben. Anna S., eine ausgebildete Kinderpflegerin, wird von diesem Tag an nicht mehr lebend gesehen. Für ihre Familie beginnt eine quälende Zeit zwischen Hoffnung und wachsender Angst.
Schon bald richtet sich der Blick der Ermittler auf Annas ehemaligen Partner Michael S. Die Beziehung war beendet, doch offenbar konnte der Mann die Trennung nur schwer akzeptieren. Besonders alarmierend ist seine Vergangenheit: Bereits viele Jahre zuvor war er wegen der Tötung einer Frau nach dem Ende einer Beziehung verurteilt worden.
Doch im Fall Anna fehlt zunächst das Entscheidende. Es gibt keine Leiche, keinen eindeutig festgestellten Tatort und kein Geständnis. Michael S. schweigt.
Trotzdem verdichten sich die Hinweise.
Bei der Auswertung seiner digitalen Geräte machen Ermittler eine erschütternde Entdeckung. Auf seinem Computer befinden sich Aufnahmen, die Anna offenbar bereits leblos in seiner Wohnung zeigen. Hinzu kommen Internetrecherchen des Verdächtigen zu Themen wie Ersticken und dem Geruch eines toten Körpers.
Für die Staatsanwaltschaft entsteht daraus ein zunehmend klares Bild: Anna S. ist nicht freiwillig verschwunden.
Im Dezember 2020 fällt das Landgericht Essen schließlich ein außergewöhnliches Urteil. Obwohl Annas Körper zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht gefunden wurde, wird Michael S. wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht stellt zudem die besondere Schwere der Schuld fest und ordnet eine spätere Sicherungsverwahrung an.

Der Bundesgerichtshof bestätigt die Entscheidung. Damit ist das Urteil rechtskräftig.
Für Annas Angehörige bleibt jedoch eine entscheidende Frage offen: Wo ist sie?
Fast drei Jahre nach ihrem Verschwinden kommt es zu einer überraschenden Wendung.
Im März 2022 finden Arbeiter bei Räumungsarbeiten in einem Keller in Krefeld einen auffälligen, nachträglich geschaffenen Hohlraum. Das Gebäude steht in Verbindung mit Michael S., der dort früher gewohnt hatte.
Hinter der zugemauerten Stelle werden menschliche Überreste entdeckt.
Die Obduktion bringt Gewissheit: Es handelt sich um Anna S.
Nach den Untersuchungen wurde sie vermutlich erstickt. Für ihre Familie endet damit eine jahrelange Ungewissheit. Doch gleichzeitig entstehen neue Fragen. Besonders rätselhaft ist, dass genau dieser Keller bereits im Jahr 2019 durchsucht worden war – damals ohne Fund.
War Annas Körper zwischenzeitlich an einem anderen Ort verborgen? Wann wurde der Hohlraum geschaffen? Und warum konnte die entscheidende Spur so lange unentdeckt bleiben?
Michael S. gibt darauf keine Antworten.
Auch seine Vergangenheit beschäftigt die Ermittler und die Öffentlichkeit weiter. Nachdem er bereits zuvor wegen der Tötung einer Frau verurteilt worden war, steht die bedrückende Frage im Raum, ob weitere Taten verhindert werden konnten – und ob möglicherweise noch andere ungeklärte Fälle mit ihm in Verbindung stehen könnten.
Beweise dafür liefert der bekannte Ermittlungsstand jedoch nicht.
Der Fall Anna S. zeigt, wie ein Mord auch ohne gefundene Leiche vor Gericht bewiesen werden kann. Doch er zeigt ebenso, dass selbst nach einem rechtskräftigen Urteil und dem späteren Fund eines Opfers nicht jede Frage beantwortet ist.
Für Annas Angehörige gibt es zumindest eine Gewissheit: Sie wissen heute, was aus ihr geworden ist.
Die vollständige Wahrheit über ihre letzten Stunden aber kennt möglicherweise nur ein Mann.
Und er schweigt.