Worms, Rheinland-Pfalz, 27. September 1952. Für Karl Franz Lehmann beginnt der Tag scheinbar wie jeder andere. Der Fliesenleger sitzt am Frühstückstisch, trinkt seine Milch und verlässt wenig später das Haus. Doch kurze Zeit danach geht es ihm plötzlich sehr schlecht. Ein Arzt wird gerufen, kann dem 40-Jährigen jedoch nicht mehr helfen. Da Lehmann seit Jahren unter Magenproblemen leidet, erscheint die Diagnose zunächst nachvollziehbar: ein durchgebrochenes Magengeschwür.
Der Fall wird nicht weiter untersucht.
Zurück bleibt seine Ehefrau Christa Lehmann. Nach dem Tod ihres Mannes lebt sie mit ihren Kindern im Haus ihres Schwiegervaters Valentin. Doch zwischen beiden kommt es immer wieder zu Spannungen. Valentin missbilligt den Lebensstil seiner Schwiegertochter und ihre neuen Bekanntschaften.
Am 14. Oktober 1953 folgt der nächste überraschende Todesfall.
Valentin Lehmann ist mit dem Fahrrad unterwegs, als er plötzlich zusammenbricht. Auch diesmal gibt es zunächst keinen Anlass für eine kriminalistische Untersuchung. Der Arzt vermutet Herzversagen.
Zwei Männer derselben Familie sind innerhalb eines Jahres unerwartet gestorben. Noch erkennt niemand einen Zusammenhang.
Im Februar 1954 verändert sich alles.
Christa Lehmann ist inzwischen eng mit der Kriegerwitwe Annie Hamann befreundet. Annie lebt mit ihrer Mutter Eva Ruh und weiteren Angehörigen in Worms. Eva betrachtet die Freundschaft ihrer Tochter mit Christa kritisch.

Am 14. Februar bringt Christa bei einem Besuch mehrere mit Likör gefüllte Schokoladenpralinen mit. Eine davon ist für Eva bestimmt. Doch die ältere Frau lehnt dankend ab und legt die Süßigkeit beiseite.
Am folgenden Tag entdeckt Annie die Praline. Sie beißt hinein, bemerkt einen ungewöhnlich bitteren Geschmack und spuckt einen Teil wieder aus. Der Familienhund frisst den Rest.
Wenig später verschlechtert sich Annies Zustand dramatisch. Als der Arzt eintrifft, ist sie bereits tot. Auch der Hund hat nicht überlebt.
Diesmal wird die Polizei eingeschaltet.
Annies Leiche wird zum gerichtsmedizinischen Institut nach Mainz gebracht. Professor Kurt Wagner sucht zunächst nach bekannten Giftstoffen. Die ersten Untersuchungen führen zu keinem Ergebnis. Schließlich richtet sich der Verdacht auf das hochgiftige Pflanzenschutzmittel E 605, auch Parathion genannt.
Der Nachweis gelingt.
Nun geraten auch die früheren Todesfälle in Christa Lehmanns Familie in ein völlig neues Licht. Die Ermittler nehmen sie am 19. Februar 1954 fest. Wenige Tage später gesteht sie. Nach ihrer Aussage sollte die vergiftete Praline ursprünglich nicht Annie treffen, sondern deren Mutter Eva.
Am 19. März werden die Leichen von Karl Franz und Valentin Lehmann exhumiert. Auch bei ihnen finden die Rechtsmediziner Spuren von E 605.
Aus drei scheinbar voneinander unabhängigen Todesfällen wird eine Mordserie.
Am 20. September 1954 beginnt in Mainz der Prozess gegen Christa Lehmann. Zwei Tage später wird sie wegen dreifachen Mordes zu dreimal lebenslanger Haft verurteilt.
Nach rund 23 Jahren kommt sie 1977 wieder frei und lebt anschließend unter einer neuen Identität.
Der Fall Christa Lehmann bleibt bis heute ein bemerkenswertes Kapitel deutscher Kriminalgeschichte. Nicht allein wegen der drei Opfer, sondern auch deshalb, weil ein unscheinbarer Todesfall, ein zweiter vermeintlicher natürlicher Tod und schließlich eine einzige Praline zeigten, wie entscheidend Aufmerksamkeit und moderne Rechtsmedizin für die Aufklärung eines Verbrechens sein können.