Berlin, 18. Februar 2019. Es ist ein Montagmorgen wie viele andere. Menschen fahren zur Arbeit, Kinder machen sich auf den Weg zur Schule. Doch für eine Familie in Berlin-Britz beginnt an diesem Tag eine Ungewissheit, die Jahre später noch immer nicht beendet ist.
Rebecca Reusch ist 15 Jahre alt. Am Abend zuvor hat sie bei ihrer älteren Schwester übernachtet. Am Montag soll sie von dort direkt zur Schule fahren. Der Unterricht beginnt für sie an diesem Tag später als gewöhnlich.
In der Nacht ist Rebeccas Schwager auf einer Feier. Gegen 5.45 Uhr kehrt er nach Hause zurück. Rebeccas Schwester verlässt das Haus gegen 7 Uhr mit ihrem Kind. Danach befinden sich nach dem bekannten Ermittlungsstand nur noch Rebecca und ihr Schwager im Haus.
Gegen 7.15 Uhr versucht Rebeccas Mutter, ihre Tochter telefonisch zu erreichen. Niemand nimmt ab. Später folgt ein weiterer Anruf – wieder ohne Erfolg.
Die Ermittler stellen später fest, dass Rebeccas Mobiltelefon am Morgen noch im heimischen WLAN des Hauses angemeldet war. Gegen 7.46 Uhr wird die letzte Verbindung registriert.
Doch es gibt noch ein weiteres digitales Lebenszeichen.
Rebecca schickt über Snapchat ein Foto an eine Freundin. Darauf soll sie in einem Flur stehen. Sie trägt einen weißen Hoodie mit Bezug zur koreanischen Musikgruppe BTS, eine auffällige rosafarbene Plüschjacke, Jeans und Sportschuhe. Wann genau das Bild aufgenommen wurde, lässt sich nicht sicher feststellen. Die Freundin sieht es später am Morgen.

Danach verstummt Rebeccas Telefon.
In der Schule erscheint sie nicht.
Als sie am Nachmittag auch nicht nach Hause kommt, meldet ihre Familie sie als vermisst.
Zunächst steht eine Frage im Raum, die bei Vermisstenfällen Jugendlicher naheliegt: Ist Rebecca freiwillig weggegangen?
Doch schnell ergeben sich Punkte, die den Fall ungewöhnlich machen. Mehrere persönliche Gegenstände fehlen. Neben ihrem Telefon verschwinden auch Taschen, ein Rucksack und weitere Dinge, die Rebecca normalerweise bei sich trägt. Zudem wird im Haushalt ihrer Schwester eine lilafarbene Decke vermisst.
Die Mordkommission übernimmt die Ermittlungen.
Schon bald konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf den Schwager. Er war nach dem Weggang seiner Frau der letzte bekannte Erwachsene im Haus. Nach Auffassung der Ermittler sprechen insbesondere die ausgewerteten digitalen Daten gegen die Annahme, Rebecca habe das Gebäude am Morgen auf gewöhnliche Weise verlassen.
Der Schwager bestreitet jede Beteiligung. Er wird im Verlauf der Ermittlungen zweimal festgenommen, später jedoch wieder freigelassen. Ein ausreichender Tatverdacht für eine dauerhafte Inhaftierung lässt sich damals nicht begründen. Bis heute gilt für ihn die Unschuldsvermutung.
Dann rückt ein Auto in den Mittelpunkt: ein himbeerfarbener Renault Twingo aus dem Familienumfeld.
Am 18. Februar und erneut am folgenden Tag wird das Fahrzeug auf der Autobahn A12 in Richtung Frankfurt an der Oder erfasst. Die Strecke führt weiter in Richtung polnische Grenze. Warum der Wagen dort unterwegs war, wird zu einer der zentralen Fragen des Falls.

Polizei und Suchmannschaften durchkämmen anschließend Gebiete in Brandenburg. Wälder, Wege und Gewässer werden untersucht. Spürhunde kommen zum Einsatz. Hinweise aus der Bevölkerung werden überprüft.
Am 6. März 2019 wird der Fall auch in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ vorgestellt. Hunderte neue Hinweise gehen ein. Menschen wollen Rebecca an Bushaltestellen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder an anderen Orten gesehen haben.
Doch keine dieser Spuren führt zum entscheidenden Durchbruch.
Die Jahre vergehen.
Rebecca wird weder lebend gefunden noch werden sterbliche Überreste entdeckt.
Ihre Familie hält weiter an der Hoffnung fest und unterstützt öffentlich den Schwager. Die Angehörigen erklären wiederholt, dass sie die Ermittler-Theorie nicht teilen. Gleichzeitig bleibt die Staatsanwaltschaft bei ihrer Einschätzung, dass Rebecca das Haus ihrer Schwester möglicherweise nicht mehr lebend verlassen habe.
Der Fall wird zu einem der bekanntesten Vermisstenfälle Deutschlands. Tausende Hinweise erreichen die Behörden. Gleichzeitig entstehen im Internet zahllose Theorien. Für die Familie bedeutet das nicht nur Hoffnung auf neue Informationen, sondern auch eine enorme Belastung.

Im Oktober 2025 erhält der Fall erneut große Aufmerksamkeit.
Mehr als hundert Einsatzkräfte durchsuchen Grundstücke in Brandenburg, die mit den Großeltern des Schwagers in Verbindung stehen. In Tauche und Herzberg werden Leichenspürhunde, Drohnen, Bodenradar und technische Geräte eingesetzt. Auch ein Bagger kommt zum Einsatz.
Nach Angaben der Ermittlungsbehörden haben sich im Zuge einer erneuten Auswertung der Akten Anhaltspunkte ergeben, dass Rebecca oder Gegenstände von ihr zumindest vorübergehend auf eines dieser Grundstücke gebracht worden sein könnten.
Was genau zu dieser Einschätzung geführt hat, bleibt aus ermittlungstaktischen Gründen geheim.
Auch danach wird weiter ausgewertet, gesucht und Zeugen werden erneut nach Beobachtungen des auffälligen Renault Twingo gefragt.
Doch die zentrale Frage bleibt unbeantwortet.
Was geschah am Morgen des 18. Februar 2019 zwischen den Wänden dieses Hauses in Berlin-Britz?
Ging Rebecca doch hinaus, ohne dass es zuverlässig dokumentiert wurde? Traf sie jemanden? Oder liegt die Wahrheit an einem Ort, der trotz jahrelanger Suche noch immer nicht gefunden wurde?
Mehr als sieben Jahre nach ihrem Verschwinden gibt es darauf keine endgültige Antwort.
Rebecca Reusch bleibt vermisst.
Und irgendwo zwischen einem letzten Snapchat-Foto, einem ausgeschalteten Telefon und einer rätselhaften Autofahrt liegt möglicherweise der Schlüssel zu einem Fall, dessen wichtigstes Geheimnis bis heute ungelöst ist.