Wien, 2. März 1998. Es ist ein gewöhnlicher Montagmorgen. Die zehnjährige Natascha Kampusch verlässt die Wohnung ihrer Mutter im Wiener Bezirk Donaustadt und macht sich zu Fuß auf den Weg zur Schule. Doch dort kommt sie nie an.
Noch am selben Tag beginnt eine groß angelegte Suche. Eine zwölfjährige Zeugin berichtet, sie habe gesehen, wie das Mädchen in einen weißen Kleintransporter gezogen worden sei. Tausende Menschen verfolgen den Fall, die Polizei überprüft Hunderte ähnliche Fahrzeuge. Doch Natascha bleibt verschwunden.
Unter den kontrollierten Fahrzeughaltern befindet sich auch Wolfgang Přiklopil, ein unauffälliger Kommunikationstechniker aus Strasshof an der Nordbahn. Er erklärt den Ermittlern, seinen Transporter für Arbeiten an seinem Haus zu benutzen. Die Beamten finden zunächst keinen konkreten Grund, seine Angaben anzuzweifeln.
Was zu diesem Zeitpunkt niemand weiß: Genau in diesem Haus befindet sich das vermisste Mädchen.
Unter dem Gebäude hat Přiklopil einen versteckten Raum vorbereitet. Der Zugang ist verborgen, die Kammer klein, fensterlos und gegen Geräusche abgeschirmt. Für Natascha beginnt dort eine Gefangenschaft, die mehr als acht Jahre dauern wird.

In den ersten Monaten darf sie den Raum praktisch nicht verlassen. Sie ist von ihrer Familie, ihren Freunden und der Außenwelt abgeschnitten. Přiklopil kontrolliert ihren Alltag bis ins kleinste Detail. Er behauptet, Türen und Fenster seien mit Sprengfallen gesichert. Außerdem droht er mit schweren Folgen, sollte sie versuchen zu fliehen oder andere Menschen auf sich aufmerksam zu machen.
Mit der Zeit verändert sich die Situation. Natascha darf zunehmend in andere Bereiche des Hauses. Sie muss Arbeiten im Haushalt übernehmen und kochen. Gleichzeitig erlebt sie psychischen Druck und körperliche Misshandlungen. Später berichtet sie auch von weiterem Missbrauch während ihrer Gefangenschaft, möchte über intime Einzelheiten jedoch nicht öffentlich sprechen.
Trotz der Isolation versucht Natascha, ihre geistige Selbstständigkeit zu bewahren. Přiklopil gibt ihr Bücher, später auch Radio und Fernsehen. Sie liest, lernt und bildet sich selbst weiter. Menschen, die nach ihrer Befreiung mit ihr sprechen, sind überrascht von ihrem Wortschatz und ihrer Allgemeinbildung.
Die Jahre vergehen.
Nach und nach erhält sie mehr Bewegungsfreiheit. Sie darf in den Garten und wird in einzelnen Situationen sogar außerhalb des Grundstücks gesehen. Einmal fährt Přiklopil mit ihr zum Skifahren. Für Außenstehende könnte das Bild beinahe alltäglich wirken.
Doch Natascha ist nicht frei.
Sie weiß, dass jede unüberlegte Handlung gefährliche Folgen haben könnte. Später erklärt sie, dass sie auf den richtigen Augenblick warten musste.
Dieser Augenblick kommt am 23. August 2006.

Natascha ist inzwischen 18 Jahre alt. Im Garten soll sie ein Fahrzeug reinigen. Während der Staubsauger läuft, erhält Přiklopil einen Anruf. Wegen des Lärms entfernt er sich einige Schritte, um telefonieren zu können.
Plötzlich ist Natascha für einen kurzen Moment unbeobachtet.
Sie entscheidet sich.
Sie lässt den Staubsauger weiterlaufen und rennt.
Durch Gärten, über Zäune und auf die Straße. Mehr als acht Jahre lang hatte sich ihr Leben auf wenige Räume und die Kontrolle eines einzigen Mannes beschränkt. Nun zählt jede Sekunde.
Natascha versucht zunächst, Menschen auf sich aufmerksam zu machen. Schließlich erreicht sie das Haus einer älteren Nachbarin. Dort sagt sie einen Satz, der einen der bekanntesten Vermisstenfälle Österreichs innerhalb weniger Minuten verändert:
Sie sei Natascha Kampusch.
Die Polizei wird verständigt. Kurz darauf bringen Beamte die junge Frau auf eine Polizeidienststelle. Ihre Identität wird durch mehrere Merkmale und schließlich durch einen DNA-Test bestätigt.
Das zehnjährige Mädchen, nach dem Österreich seit 1998 gesucht hatte, ist zurück.
Wolfgang Přiklopil flieht noch am selben Tag. Wenige Stunden später nimmt er sich das Leben, indem er sich vor einen Zug wirft. Damit bleiben zahlreiche Fragen zu seinen Motiven und zu den Jahren der Gefangenschaft unbeantwortet.

Auch Nataschas Verhalten nach ihrer Befreiung löst Diskussionen aus. Sie äußert Mitgefühl für Přiklopil und trauert auf ihre eigene Weise um einen Menschen, der gleichzeitig ihr Entführer gewesen war. Schnell fällt in den Medien der Begriff „Stockholm-Syndrom“.
Natascha selbst lehnt diese Erklärung entschieden ab. Für sie könne ein solches Schlagwort die komplizierte psychologische Realität einer jahrelangen Gefangenschaft nicht angemessen beschreiben.
Nach ihrer Rückkehr wird sie mit gewaltigem Medieninteresse konfrontiert. Später schreibt sie über ihre Erfahrungen, tritt im Fernsehen auf und versucht, ihr Leben selbst zu bestimmen. Ihre Autobiografie „3096 Tage“ wird Jahre später auch verfilmt.
Das Haus in Strasshof, in dem sie einen großen Teil ihrer Kindheit und Jugend verbringen musste, gelangt schließlich in ihren Besitz. Der ehemalige Gefangenschaftsraum wird später zugeschüttet.
Der Fall Natascha Kampusch ist deshalb nicht nur die Geschichte eines spektakulären Vermisstenfalls.
Es ist vor allem die Geschichte eines Kindes, das 1998 auf dem Weg zur Schule verschwand – und einer jungen Frau, die 3096 Tage später selbst den entscheidenden Moment fand, um ihre Freiheit zurückzugewinnen.