Es ist der Abend des 3. September 2010 in Nordrhein-Westfalen. Der zehnjährige Mirco S. hat einen Skatepark im Grefrather Ortsteil Oedt besucht. Vor ihm liegen nur wenige Kilometer bis nach Hause. Eine vertraute Strecke, die er mit seinem Fahrrad zurücklegt. Gegen 21 Uhr wird der Junge noch in Oedt gesehen. Doch zu Hause kommt er an diesem Abend nicht mehr an.
Als Mirco ausbleibt, beginnt seine Familie nach ihm zu suchen. Kurz darauf wird die Polizei eingeschaltet. Aus einem Vermisstenfall entwickelt sich innerhalb weniger Stunden eine groß angelegte Suche nach einem Kind, von dem plötzlich jede Spur fehlt.
Zwei Tage später gibt es den ersten wichtigen Fund. Passanten entdecken Mircos auffällig grasgrünes Fahrrad in einem Feld zwischen Grefrath und Oedt, nur wenige hundert Meter von seinem Zuhause entfernt. Die Finder hatten das Rad zunächst gesäubert, bevor es der Polizei übergeben wurde. Trotzdem gelingt es den Ermittlern, noch Spuren daran zu sichern.
Wenig später tauchen weitere Gegenstände auf. Eine schwarze Sporthose wird in der Nähe des Parkplatzes Hinsbecker Straße gefunden. Bei anschließenden Suchmaßnahmen entdecken Beamte weitere Kleidungsstücke. Wochen später, im November, finden Mitarbeiter einer Straßenmeisterei schließlich auch Mircos Mobiltelefon in einer Straßenböschung.

Doch von Mirco selbst fehlt weiterhin jede Spur.
Die Dimension der Suchaktion wächst von Tag zu Tag. Mehr als tausend Polizeibeamte durchsuchen zeitweise Wälder, Felder und sumpfige Gebiete. Rund 50 Quadratkilometer werden kontrolliert. Taucher überprüfen Gewässer, ein Boot kommt zum Einsatz. Sogar Tornado-Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr mit spezieller Kameratechnik und eine Drohne unterstützen die Suche.
Auch Mircos Eltern wenden sich öffentlich an den Täter und bitten verzweifelt um einen Hinweis auf den Aufenthaltsort ihres Sohnes. Der Fall wird später ebenfalls bei „Aktenzeichen XY… ungelöst“ vorgestellt. Tausende Hinweise gehen bei der Sonderkommission ein.
Ein Detail wird für die Ermittler besonders interessant: In der Nähe des Fundortes von Mircos Fahrrad war ein VW Passat beobachtet worden. Die Polizei beginnt, tausende Fahrzeuge dieses Typs zu überprüfen.
Parallel dazu verfolgen Spezialisten eine andere Spur.
Sie analysieren Mobilfunkdaten aus der Tatnacht. Dabei entdecken die Ermittler den Bewegungsverlauf einer Telefonnummer, der auffällig genau zu jener Route passt, die sie für die Fahrt des Täters rekonstruiert haben.
Nach monatelanger Arbeit beginnt sich das Netz zuzuziehen.
Am 26. Januar 2011 nimmt die Polizei den damals 45-jährigen Olaf H. aus Schwalmtal fest. Nach außen hatte der Familienvater ein weitgehend unauffälliges Leben geführt. Er war nicht vorbestraft und arbeitete bei einem großen Telekommunikationsunternehmen.
Auch sein damaliger Dienstwagen spielt eine wichtige Rolle. Der VW Passat, dessen Leasingvertrag inzwischen ausgelaufen war, musste erst wieder aufgespürt werden. Untersuchungen des Fahrzeugs und Faserspuren verstärken schließlich den Verdacht gegen Olaf H.

Nach seiner Festnahme gesteht er.
Er führt die Ermittler zu einem abgelegenen Waldgebiet bei Kerken. Dort wird Mirco gefunden – fast fünf Monate nach seinem Verschwinden und außerhalb des Gebietes, das zuvor intensiv abgesucht worden war.
Damit endet die Suche nach dem Jungen. Doch nun beginnt die schwierige Frage nach dem Warum.
Olaf H. erklärt zunächst, beruflicher Druck und Konflikte am Arbeitsplatz hätten am Tatabend eine Rolle gespielt. Er sei mit dem Auto umhergefahren und zufällig auf Mirco getroffen. Im Verlauf der Ermittlungen und später vor Gericht macht er jedoch unterschiedliche Angaben zum genauen Geschehen.
Fest steht: Er brachte den Jungen in seine Gewalt, fuhr mit ihm in ein abgelegenes Gebiet, missbrauchte ihn und tötete ihn anschließend. Danach verteilte er Gegenstände Mircos an verschiedenen Orten.
Über das eigentliche Motiv gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Ermittler sehen vor allem den Wunsch nach Macht, Kontrolle und Erniedrigung eines wehrlosen Opfers. Psychologische Experten halten es dagegen für zu einfach, die Tat allein mit beruflichem Stress zu erklären. Einige sehen Hinweise auf tieferliegende aggressive und sadistische Fantasien.
Vor Gericht entsteht zudem ein anderes Bild als das eines Mannes, der lediglich ziellos herumgefahren war. Die Richter kommen zu der Überzeugung, dass Olaf H. in jener Nacht gezielt nach einem geeigneten Opfer gesucht hatte.
Am 12. Juli 2011 beginnt vor dem Landgericht Krefeld der Prozess. Olaf H. übernimmt im Wesentlichen die Verantwortung für die Tat. Ein psychiatrischer Sachverständiger stuft ihn als voll schuldfähig ein.
Am 29. September 2011 fällt das Urteil.
Olaf H. wird wegen Mordes und weiterer Straftaten zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Zusätzlich stellt das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Eine spätere Revision bleibt erfolglos. Das Urteil wird rechtskräftig.
Der Fall Mirco bleibt nicht nur wegen seiner Tragik in Erinnerung. Er zeigt auch, wie aus tausenden einzelnen Hinweisen, technischen Daten, Fahrzeugspuren und monatelanger Ermittlungsarbeit Stück für Stück ein Gesamtbild entstehen kann.
Für Mircos Familie konnte dieser Erfolg jedoch nur eine Frage beantworten: wer für das Verschwinden ihres Sohnes verantwortlich war.
Was ihnen genommen wurde, konnte keine Ermittlung zurückbringen.