Niedersachsen, im Sommer 1989. Der Staatsforst Göhrde gilt als ruhiges Ausflugsgebiet, weitläufig, dicht bewachsen und an vielen Stellen nahezu menschenleer. Doch innerhalb weniger Wochen wird der Wald zum Schauplatz zweier Verbrechen, die Deutschland noch Jahrzehnte später beschäftigen werden.
Am 21. Mai 1989 fahren Ursula und Peter Reinold aus Hamburg-Bergedorf in die Göhrde. Die 45-jährige Frau und ihr 51-jähriger Ehemann wollen offenbar spazieren gehen und einen ruhigen Tag in der Natur verbringen. Danach verliert sich ihre Spur.
Sieben Wochen lang fehlt von ihnen jedes Lebenszeichen. Erst am 12. Juli stoßen drei Blaubeersammler auf ihre sterblichen Überreste. Wegen der sommerlichen Hitze ist eine genaue Rekonstruktion der Todesursache kaum noch möglich. Sicher ist nur: Das Ehepaar wurde Opfer eines Verbrechens. Ihr Auto war bereits zuvor aus dem Wald verschwunden und später in Winsen an der Luhe abgestellt worden.
Auf dem Weg, Hilfe zu holen, begegnen die Finder einem kräftig gebauten, etwa 40 Jahre alten Mann mit braunen Haaren. Er trägt eine Tasche bei sich. Für die Ermittler wird diese Begegnung später von großer Bedeutung sein.
Doch während die Polizei gerade erst beginnt, den ersten Tatort zu untersuchen, geschieht nur wenige hundert Meter entfernt das Unvorstellbare.
Am selben Tag, dem 12. Juli 1989, fahren Ingrid Warmbier aus Uelzen und Bernd-Michael Köpping aus Hannover in die Göhrde. Beide sind verheiratet, führen jedoch miteinander eine heimliche Beziehung. Nach einem Aufenthalt in Bad Bevensen gehen sie tief in den Wald hinein.

Dort treffen sie offenbar auf ihren Täter.
Das Paar wird überwältigt und gefesselt. Beide werden getötet. Anschließend nimmt der Täter unter anderem eine Polaroidkamera und den Wagen des Mannes an sich. Das Fahrzeug wird erst später in Bad Bevensen gefunden. Die Leichen der beiden entdeckt die Polizei am 27. Juli – nur etwa 800 Meter vom ersten Fundort entfernt.
Die Ähnlichkeiten sind auffällig: zwei Paare mittleren Alters, derselbe Wald, entwendete Gegenstände und gestohlene Fahrzeuge, die später an anderen Orten zurückgelassen werden.
Eine Sonderkommission wird eingerichtet. Tausende Menschen werden befragt, fast zweitausend Hinweise und Spuren geprüft. Ein Phantombild des unbekannten Mannes wird veröffentlicht. Auch die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ greift den Fall auf.
Doch der Täter bleibt verschwunden.
Jahrzehnte später führt eine andere Vermisstensache zurück in die Göhrde: der Fall Birgit Meier. Im Mittelpunkt steht nun der Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann. Bereits früher war er überprüft worden, doch damals geriet er wieder aus dem Fokus.
Bei einer Durchsuchung seines Hauses im Jahr 1993 finden Ermittler Waffen, Handschellen und einen abgeschirmten Raum. Wichmann flieht, wird später festgenommen und nimmt sich wenige Tage danach in Haft das Leben.
Der entscheidende Durchbruch kommt erst viele Jahre später. Auf dem früheren Grundstück Wichmanns werden die Überreste von Birgit Meier entdeckt. Weitere Untersuchungen führen schließlich auch zu einer DNA-Spur, die Wichmann mit dem Komplex der Göhrde-Morde in Verbindung bringt.
Seit 2017 gilt er für die Ermittler als dringend tatverdächtig.
Doch selbst damit endet die Geschichte nicht.
Denn eine entscheidende Frage bleibt offen: War Kurt-Werner Wichmann allein?
Wie konnte er mit den Fahrzeugen der Opfer den Wald verlassen, wenn sein eigenes Auto dort zurückblieb? Gab es einen Helfer? Einen Mitwisser? Vielleicht sogar einen zweiten Täter?
Und vor allem: Waren die vier Menschen in der Göhrde wirklich seine einzigen Opfer?
Der Totenwald hat viele seiner Geheimnisse preisgegeben.
Aber nicht alle.