Im Schatten des Wahns: Der Fall Marc Hoffmann

Cuxhaven, Mai 2004. Es ist ein gewöhnlicher Frühlingstag. Die achtjährige Levke wartet in der Nähe ihres Elternhauses. Niemand kann ahnen, dass innerhalb weniger Minuten eine Ereigniskette beginnt, die Monate später ganz Deutschland erschüttern wird.

Zur gleichen Zeit fährt ein Mann durch Norddeutschland. Sein Name: Marc Hoffmann, Jahrgang 1973. Nach außen wirkt er unauffällig. Doch seine Vergangenheit enthält bereits deutliche Warnzeichen. Schon 1994 war Hoffmann wegen eines Sexualdelikts gegen eine junge Frau vor Gericht gestanden. Er erhielt eine Bewährungsstrafe. Jahre später verliert er seine Arbeit, seine Ehe zerbricht und seine langen, scheinbar ziellosen Autofahrten werden immer häufiger.

Am 6. Mai 2004 begegnet Hoffmann der achtjährigen Levke im Cuxhavener Stadtteil Altenwalde. Mit einer erfundenen Geschichte bringt er das Mädchen dazu, in sein Fahrzeug einzusteigen. Er fährt mit ihr in ein abgelegenes Gebiet. Levke wird Opfer eines schweren Verbrechens und anschließend getötet.

Danach versucht Hoffmann, sämtliche Spuren zu verwischen. Den Leichnam versteckt er zunächst und bringt ihn später an einen anderen Ort. Wochenlang sucht die Polizei nach dem verschwundenen Kind. Ende August 2004 entdeckt schließlich eine Pilzsammlerin Levkes sterbliche Überreste in einem Wald nahe Attendorn.

Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Doch zu diesem Zeitpunkt befindet sich der Täter weiterhin auf freiem Fuß.

Ende Oktober 2004 verschwindet im Landkreis Rotenburg ein weiteres achtjähriges Kind: Felix W. Der Junge ist mit seinem Fahrrad unterwegs, als er Hoffmann begegnet. Wieder benutzt der Täter eine erfundene Geschichte, um Vertrauen zu gewinnen. Auch Felix wird verschleppt und später getötet. Sein Körper wird in der Geeste verborgen.

Für die Ermittler beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Immer mehr Hinweise führen schließlich zu Marc Hoffmann. Besonders auffällig sind seine regelmäßigen Fahrten zwischen Norddeutschland und dem Sauerland. Hinzu kommt seine bekannte Vorstrafe. Sein Alibi beginnt zu zerbrechen.

Am Abend des 8. Dezember 2004 wird Hoffmann festgenommen. Nach anfänglichem Schweigen gesteht er die Tötung Levkes. Einige Wochen später führt eine weitere Aussage schließlich zur Wahrheit über Felix. Am 7. Januar 2005 bergen Polizeitaucher den Jungen aus der Geeste.

Im Mai 2005 beginnt vor dem Landgericht Stade der Prozess. Hoffmann selbst schweigt während der Verhandlung weitgehend. Psychiatrische Gutachter kommen zu dem Ergebnis, dass er nicht schwer psychisch krank und vollständig schuldfähig ist. Besonders auffällig sei sein ausgeprägter Mangel an Mitgefühl.

Am 29. Juni 2005 fällt das Urteil: lebenslange Freiheitsstrafe, Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und anschließende Sicherungsverwahrung.

Doch mit dem Urteil endet der Fall nicht vollständig.

Hoffmann soll später gegenüber einem Mitgefangenen behauptet haben, weitere Menschen getötet zu haben. Diese Aussagen widerruft er später. Ermittler prüfen Verbindungen zu mehreren ungeklärten Fällen. Für einige ergeben sich keine Beweise, andere werden später eindeutig anderen Tätern zugeordnet.

Eine weitere Frage belastet den Fall bis heute: Hätte Felix gerettet werden können?

Bereits Monate vor seiner Ermordung soll Hoffmann von Polizeikameras an einem für den Fall Levke wichtigen Ort aufgenommen worden sein. Auch Hinweise aus seinem persönlichen Umfeld sollen vorgelegen haben. Einzelheiten dieser Vorwürfe blieben teilweise umstritten.

Marc Hoffmann wurde für zwei Morde verurteilt. Doch der Fall hinterließ mehr als ein Gerichtsurteil: Er hinterließ die bedrückende Frage, ob vorhandene Warnzeichen früher hätten erkannt werden können – und ob dadurch ein zweites Kind vielleicht noch am Leben wäre.

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