Norddeutschland, Anfang der 1990er Jahre. In Schullandheimen, Jugendunterkünften und Zeltlagern berichten Jungen immer wieder von einer beunruhigenden Gestalt. Ein großer Mann, dunkel gekleidet, das Gesicht verborgen. Er erscheint nachts, bewegt sich scheinbar lautlos durch die Gebäude und verschwindet, bevor Erwachsene reagieren können.
Zunächst klingen manche Aussagen für Außenstehende kaum glaubhaft. Einige halten die Geschichten vom „schwarzen Mann“ für Albträume oder kindliche Fantasie. Doch bald zeigt sich, dass hinter den Berichten eine reale Gefahr steckt.
Am 31. März 1992 verschwindet der 13-jährige Stefan Jahr aus einem Internat in Scheeßel. Trotz intensiver Suche bleibt er zunächst verschwunden. Wochen später wird sein Leichnam in den Verdener Dünen entdeckt. Für die Ermittler beginnt ein Fall, dessen wahres Ausmaß damals noch niemand erkennen kann.
Drei Jahre später ereignet sich ein ähnliches Verbrechen. Im Juli 1995 verschwindet der achtjährige Dennis Rostel aus einem Zeltlager am Selker Noor. Auch diesmal führt die Spur weit vom ursprünglichen Aufenthaltsort weg. Der Junge wird später in Dänemark tot aufgefunden.
Doch der Täter bleibt unerkannt.
In den folgenden Jahren werden weitere nächtliche Übergriffe gemeldet. Die Beschreibungen ähneln sich auffällig: ein großer Mann, dunkle Kleidung, eine Maske. Er scheint Unterkünfte genau zu kennen und nutzt Momente, in denen die Kinder kaum geschützt sind.
Dann, im September 2001, verschwindet der neunjährige Dennis Klein aus einem Schullandheim in Wulsbüttel. Zwei Wochen später wird er tot aufgefunden. Nun verändert sich die Sicht der Ermittler grundlegend. Die Polizei gründet die Sonderkommission „SoKo Dennis“ und beginnt, ältere Fälle miteinander zu vergleichen.

Tausende Hinweise werden geprüft. Täterprofile entstehen, Verdächtige werden kontrolliert, Spuren ausgewertet. Trotzdem bleibt der sogenannte Maskenmann jahrelang ein Phantom.
Der entscheidende Hinweis kommt schließlich von einem früheren Opfer. Der inzwischen erwachsene Mann erinnert sich daran, dass er als Kind vor einem nächtlichen Übergriff von einem Jugendbetreuer auffällig über sein Zuhause ausgefragt worden war. Er erinnert sich sogar an dessen Vornamen: Martin.
Die Ermittler überprüfen die Spur.
Sie führt zu Martin Ney, einem Mann, der selbst jahrelang mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet hatte. Nach außen galt er als unauffällig. Doch sein Lebenslauf und seine Aufenthaltsorte passen zunehmend zu den Ermittlungen.
Im April 2011 wird Ney festgenommen. Kurz darauf gesteht er die Morde an Stefan Jahr, Dennis Rostel und Dennis Klein sowie zahlreiche weitere Übergriffe.
Am 27. Februar 2012 verurteilt das Landgericht Stade Martin Ney zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Das Gericht stellt die besondere Schwere der Schuld fest.
Damit ist die jahrelange Jagd nach dem Maskenmann beendet.
Doch nicht jede Frage lässt sich beantworten. Auch später wird geprüft, ob Ney für weitere Verbrechen verantwortlich sein könnte. Ein möglicher Fall in Frankreich führt sogar zu neuen Ermittlungen, doch die Beweise reichen dort nicht für eine Anklage.
Der Fall Martin Ney bleibt deshalb mehr als die Geschichte eines gefassten Täters. Er ist zugleich die Geschichte übersehener Warnzeichen, jahrelanger Ermittlungsarbeit und eines entscheidenden Hinweises, der schließlich ein Phantom aus der Dunkelheit holte.