Tödliche Zivilcourage – Der Fall Dominik Brunner

München, 12. September 2009. Es ist ein sonniger Samstagnachmittag, an dem tausende Menschen mit der S-Bahn durch die Stadt fahren. Für die meisten ist es ein gewöhnlicher Tag. Auch Dominik Brunner ahnt nicht, dass eine alltägliche Heimfahrt nur wenig später sein Leben kosten wird.

Brunner ist 50 Jahre alt, Jurist und erfolgreicher Manager. Menschen, die ihn kennen, beschreiben ihn als zuverlässig, lebensfroh und mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. An diesem Nachmittag wird genau diese Haltung auf eine Weise geprüft, die niemand vorhersehen kann.

Mehrere Schülerinnen und Schüler im Alter von etwa 13 bis 15 Jahren geraten auf ihrer Fahrt durch München in eine bedrohliche Situation. Jugendliche verlangen Geld von ihnen und kündigen Gewalt an. Schließlich befinden sich die Schüler zusammen mit zwei der jungen Männer in einer S-Bahn Richtung Solln.

Dominik Brunner bemerkt die angespannte Lage.

Während andere Fahrgäste Abstand halten, entscheidet er sich einzugreifen. Er spricht die Jugendlichen an und verständigt die Polizei. Gleichzeitig bietet er den Schülern an, gemeinsam mit ihm am Bahnhof Solln auszusteigen. Für die Kinder bedeutet seine Anwesenheit zunächst Sicherheit.

Doch auch die beiden jungen Männer verlassen dort den Zug.

Auf dem Bahnsteig verändert sich die Situation innerhalb weniger Augenblicke.

Was genau unmittelbar vor dem ersten Schlag geschieht, wird später zu einem entscheidenden Thema vor Gericht. Einige Zeugen berichten, Brunner habe seine Jacke und seinen Rucksack abgelegt, eine kampfbereite Haltung eingenommen und sei auf die beiden Jugendlichen zugegangen. Andere Aussagen zeichnen ein anderes Bild: Danach sollen die jungen Männer aggressiv auf Brunner zugekommen sein, woraufhin er versucht habe, sich zu verteidigen.

Diese widersprüchlichen Beobachtungen zeigen, wie schwierig es selbst für Augenzeugen sein kann, eine plötzlich eskalierende Situation später exakt zu rekonstruieren.

Fest steht: Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung.

Brunner wird geschlagen und getreten. Als er zu Boden geht, endet der Angriff nicht sofort. Innerhalb kurzer Zeit erleidet er zahlreiche Verletzungen. Die Polizei, die Brunner selbst verständigt hatte, trifft kurz darauf ein und nimmt die Beteiligten fest.

Für Dominik Brunner kommt die Hilfe jedoch zu spät.

Er wird in das Klinikum Großhadern gebracht. Dort stirbt der 50-Jährige wenige Stunden später. Die Nachricht verbreitet sich schnell über München hinaus.

Doch die medizinische Untersuchung bringt später eine überraschende Erkenntnis. Nicht eine einzelne Verletzung ist unmittelbar für seinen Tod verantwortlich. Brunner hatte ein vergrößertes Herz. Die extreme körperliche und psychische Belastung während der Auseinandersetzung löste schließlich ein tödliches Herzversagen beziehungsweise Herzkammerflimmern aus.

Deutschland diskutiert nun über Zivilcourage.

Dominik Brunner wird in zahlreichen Berichten als „Held von Solln“ bezeichnet. Politiker und bekannte Persönlichkeiten würdigen seinen Einsatz. Für seine Angehörigen und Freunde ist die öffentliche Aufmerksamkeit jedoch schwer zu verarbeiten. Für sie ist er kein Symbol, sondern ein Mensch, den sie verloren haben.

Zehn Monate später beginnt vor dem Landgericht München I der Prozess gegen die beiden Hauptbeteiligten.

Mehr als 50 Zeugen werden gehört. Dabei wird deutlich, dass der Fall komplizierter ist als die ersten Schlagzeilen vermuten ließen. Vor allem die Frage nach dem Beginn der körperlichen Auseinandersetzung beschäftigt das Gericht.

Die Richter kommen schließlich zu dem Ergebnis, dass Brunners erster körperlicher Abwehrversuch durch Notwehr gedeckt war. Entscheidend für das Urteil ist vor allem, dass der Angriff gegen ihn weiterging, obwohl er bereits am Boden lag und sich kaum noch verteidigen konnte.

Am 6. September 2010 fallen die Urteile.

Der Haupttäter Markus S. erhält nach Jugendstrafrecht neun Jahre und zehn Monate Haft wegen Mordes in Verbindung mit dem vorausgegangenen versuchten Raubdelikt. Sebastian L. wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge sowie seiner Beteiligung an der versuchten räuberischen Erpressung zu sieben Jahren Jugendstrafe verurteilt. Die Urteile werden später rechtskräftig.

Der Fall endet damit juristisch. Seine gesellschaftliche Wirkung bleibt.

2009 wird die Dominik-Brunner-Stiftung für Zivilcourage gegründet. Gedenkorte, Straßen und Einrichtungen tragen heute seinen Namen. Gleichzeitig vermittelt die Stiftung eine wichtige Botschaft: Zivilcourage bedeutet nicht, sich selbst bedenkenlos in Lebensgefahr zu bringen. Wer eine gefährliche Situation beobachtet, sollte die Polizei verständigen, andere Menschen gezielt um Unterstützung bitten und Betroffenen helfen, ohne die eigene Sicherheit aus den Augen zu verlieren.

Dominik Brunner wollte an jenem Septembertag vermutlich weder berühmt werden noch als Held gelten.

Er sah Menschen, die Hilfe brauchten – und entschied sich, nicht wegzusehen.

Eine Entscheidung von wenigen Minuten, die sein Leben beendete und Deutschland noch Jahre später mit einer schwierigen Frage zurückließ:

Wie weit würden wir selbst gehen, wenn direkt vor unseren Augen jemand Hilfe braucht?

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